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erstellt: Januar 1997
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Rückblick
auf:
„ Wintertour auf dem Ognon '96 “
Canadier-Gepäckfahrt über mehrere Tage vom 26. -
31.12.96
Endlich ist es soweit. Nach den vergangenen Feiertagen wohlgenährt, treffen
sich Stefan aus Frankfurt sowie Georg und Ralf aus der Stuttgarter Ecke am
Vormittag des 2. Weihnachtsfeiertages (26.12.) in Lure am Ognon in Frankreich
zur schon traditionellen Gepäckfahrt bis Silvester - als krönender
Abschluß des Paddeljahres.
Der Ognon ist dafür ein idealer und lohnender Bach. Er entspringt am
Westhang der Vogesen und schlängelt sich in seinem Mittellauf durch eine
liebliche Hügellandschaft.
Die sich zum Ende des Jahres überraschend entwickelnde ungewöhnlich
frostige und lang anhaltende Kälteperiode macht natürlich auch vor den
Vogesen nicht halt und nimmt sie in den Würgegriff; das Thermometer zeigt
tiefe zweistellige Minusgrade.
Nur das Auge ist etwas enttäuscht. Während Deutschland bei unserer Abfahrt in
ein weißes Winterkleid gehüllt war, sucht man wenige km westlich der Grenze
die weiße Pracht vergebens.
Zunächst müssen wir drei jedoch das wasserdicht verpackte Gepäck und die
Verpflegung auf die beiden Canadier verteilen.
Leider hat Jürgen, Stefans geplanter Paddelpartner, kurzfristig abgesagt,
dadurch haben wir jetzt zuviel Fressalien gebunkert und Stefan muß
zwangsläufig solo fahren.
Rasch sind die Boote beladen, noch ein
Schluck Hochprozentiges genommen, und schon bald trägt die flotte Strömung
die dick vermummten Gestalten auf und davon.
Der Wasserstand ist hervorragend und zahlreiche Stufen, fahrbare Wehre,
enge Haarnadelkurven und Baumhindernisse in Verbindung mit der guten Strömung
gestalten die Fahrt interessant und abwechslungsreich. Nur ein Wehr muß an
diesem Tag umtragen werden.
Am Nachmittag schlagen wir dann in einem kleinen Wäldchen unser Nachtlager
auf.
Bevor die Dunkelheit hereinbricht setzt hektisches Treiben ein.
Das Camp-Fire-Zelt nach dem legendären Vorbild des unvergessenen
Stechpaddelpapstes Bill Mason wird aufgestellt und, da wir nur über offenem
Feuer kochen, muß eine ordentliche Menge trockenes Holz gesammelt, gesägt und
gespalten werden.
Auf dem Speiseplan stehen heute Kotelett mit Bratkartoffeln und Bohnen.
Einen tiefgefrorenen Klumpen Koteletts bei -17 °C aufzutauen stellt dann
besondere Anforderung
an Stefans Kochkünste.
In der Nacht sackt dann das Quecksilber auf satte -24 °C ab und zudem
streicht ein unangenehm scharfer eisiger Wind aus den Vogesen durch die
kahlen Baumwipfel.
Bei diesen für mitteleuropäische Verhältnisse ungewohnten und unerwartet
tiefen Temperaturen gelangt Stefan’s altgedienter Schlafsack an die Grenzen
seines Komforts und neidvoll schielende Blicke treffen die voluminösen
Daunenberge von Georg und Ralf.
Jetzt konnten die High-Tech Produkte mal beweisen, daß z.B. ein
Wärmekragen und eine gut sitzende Kapuze nicht nur blumige Worte in den
bunten Werbeprospekten sind, sondern in der Tat nützliche
Ausstattungsfeatures darstellen.
Nur der arme Ralf ist ab jetzt den spöttelnden Worten seiner
liebenswürdigen Kameraden ausgesetzt, wenn er sich allabendlich im Schlafsack
in seine wasserdichte ”Mülltüte” hineinverkriecht - mobbing nennt man
wohl so was.
Auch bei so extrem niedrigen Temperaturen gibt der menschliche Körper über
Nacht bis zu 1 Liter Feuchtigkeit über die Haut ab.
Dieser Vapor-Barrier-Liner (VBL) genannte absolut wasser- und dampfdichte
Innensack funktioniert wie eine Dampfsperre und verhindert so einerseits die
”feuchte” Ableitung und Abführung von Wärme vom Körper, vor allem aber das
Feuchtwerden des Füllmaterials und damit die Reduzierung der
Isolationsfähigkeit beim Gebrauch
über einen längeren Zeitraum.
Ob mit oder ohne VBL, sich aus dem kuschelig warmen Schlafsack zu schälen
und in die kalten Klamotten zu schlüpfen kostet jedenfalls jeden Morgen
einiges an Überwindung.
Und bis man sich dann einen richtig heißen Kaffee injizieren kann ist es noch
ein langer Weg.
Natürlich sind unsere Wasservorräte jetzt
endgültig über Nacht zu steinharten Eisklötzen gefroren.
In weiser Voraussicht hat sie aber Georg in handliche 5 l Kanister abgefüllt,
so daß wir sie im mit Flußwasser gefüllten Hordentopf über dem Feuer wieder
verflüssigen können.
Eine nun jeden Morgen und Abend wiederkehrende Routineprozedur. Würde Schnee
liegen, hätten wir es in diesem Punkt leichter, aber zum Schneien ist es viel
zu kalt.
Bis es soweit ist, kann man sich aber wenigstens an den wärmenden Getränken
vom Vortag laben, die uns die Thermosflaschen spenden.
Auch die Eier für die obligatorisch-traditionellen Rühreier mit Speck am
Morgen sind durch und durch gefroren. Taucht man sie übrigens kurz in heißes
Wasser läßt sich die Schale recht leicht von der geleeartigen Masse lösen.
Es ist schon fast Mittag als wir unsere mit Sack und Pack beladenen
Canadier wieder ins Wasser gleiten lassen.
Aber das Leben in und mit der Natur ist uns wichtiger als das Herunterreißen
möglichst vieler Flußkilometer.
Wiederum ist
es ein prächtiger Tag.
Wir folgen dem weitgehend naturbelassenen Bachverlauf durch eine idyllische
und noch intakte Wiesen- und Auenlandschaft.
Zahlreiche Reiher, Kormorane und verschiedene Greifvogelarten begleiten
unseren Weg.
Geduckt schleicht ein einsamer Fuchs über die Felder und einer der seltenen
Eisvögel präsentiert uns stolz sein stahlblaues Gefieder.
Jeder Zweig, Ast oder Grashalm der ins Wasser ragt, schmückt sich mit
einer schweren Eisglocke, die jetzt im Sonnenlicht glitzern und funkeln.
Die Umtragestelle an einem Wehr lädt zu einer Rast ein.
Ruckzuck ist Georg’s selbstgebasteltes geniales Outdooröfelchen ausgepackt,
mit trockenem Holz gespeist und schon kurze Zeit später weht ein verlockender
Glühweinduft unseren Nasen entgegen.
Gierig machen wir uns über den Schinken und die leckeren Würste her, die uns
Lothar, der dieses Jahr mit Monika leider nicht mitkommen konnte, in einem
antivegetarischen Überlebensset auf den Weg gegeben hat.
Und zum Schluß wird dann noch Hertha’s köstlicher Rotweinkuchen
weggeschmatzt.
Trotz des nun gleißenden Sonnenlichtes verlassen den Gradmesser beim
Emporklettern der Skala bei -7 °C die Kräfte.
Der mäandernde Ognon läßt anschließend mit seinen unzähligen engen Kurven
und der munteren Strömung keine Langeweile aufkommen.
Stefan als alleiniger Kapitän im schwerbeladenen Boot hat einiges zu tun, um
am Ufer nicht anzubandeln.
Ralf und Georg haben es zu zweit und als eingespieltes Team da doch um
einiges einfacher.
Einen schönen Übernachtungsplatz finden wir in der Nähe von Villersexel.
Während Georg und Stefan das Zelt aufbauen, macht sich Ralf auf die Strümpfe
und fußelt zum etwas entfernt liegenden Super-/Inter-/Hypermarchee, damit wir
die bedrohlich dezimierten Glühweinvorräte mit Vin de Pays strecken können
(praktischerweise gleich im 5 l Kanister).
Bei der knackigen Kälte würde auch dem urigsten Bayern das Biertrinken
vergehen.
Und wir decken uns mit Baguette’s ein, die sich hervorragend zum Aufbacken in
der Pfanne eignen.
Beim Abendessen bleibt eine ordentliche Portion Spaghetti im Hordentopf
zurück, für die Schinkennudeln zum Frühstück - ein fataler Fehler.
Nein, nein, kein Fuchs hat uns in der Nacht heimgesucht und die Vorräte
stiebizt, aber am Morgen sind die Spaghetti zu einem einzigen Eisklumpen
gefroren und das Auftauen in der Bratpfanne entpuppt sich als schwieriger als
gedacht.
Aber Georg hat die rettende Idee, greift zum Beil und zerhäckselt den
widerborstigen Bollen in der Pfanne.

Aber noch eine unliebsame Überraschung wartet auf uns.
Die massiven Zeltheringe sind im Boden festgefroren und widersetzen sich beim
Abbau des Lagers vehement der Entnahme. Jeder Einzelne muß vorsichtig und
gefühlvoll erst mit dem Beil gelockert und dann mit einem mittelstarken
Baumstamm geradlinig herausgehebelt werden.
Leider läßt die Strömung nun deutlich nach, ”Handarbeit” ist angesagt und
lange Arme drohen.
Dafür entschädigt eine ganze Reihe von Naturstufen, verfallener und fahrbarer
Wehre mit herrlichem Fahrspaß.
Allerdings ist Bootsbeherrschung, präzises Fahren und ein sorgfältiges
Abwägen der jeweiligen Situation angesichts der frostigen Randbedingungen
unabdingbar.
Schließlich sind wir nicht mit Neopren- oder Trockenanzug ausstaffiert,
sondern paddeln in normaler, warmer und robuster Outdoorkluft.
Bei der einen oder anderen verblockten Stelle steigt Georg als Vordermann
bei Stefan dazu.
Zu zweit kann man in diffizilen Situationen mit den schweren Wanderbooten
doch besser manövrieren als alleine.
Auf jeden Fall bleiben uns heute lästige und zeitraubende Umtragungen
erspart.
Wir sind zwar überrascht, aber natürlich happy, daß der Ognon noch
überhaupt nicht daran denkt zuzufrieren. Nur stehende Seitenarme sind bisher
mit einer eisigen Haut überzogen.
Dafür wächst mit jedem Einsteigen und durch Spritzwasser bei den
Schwallstrecken die Eiskruste im Boot langsam aber sicher zu einem
ausgewachsenen Eispanzer heran. Mit den Paddeln rücken wir am Abend
demselbigen zu Leib.
Wiedereinmal bewährt es sich, daß unsere Boote mit Kniegurte outgefittet
sind.
Sie bieten uns auch jetzt einen sicheren Halt, und zudem haben wir durch die
knieende Position stets einen sehr guten Bootskontakt.
Auf einer einsamen Kiesbank verbringen wir dann die dritte Nacht.
Wieder mal müssen wir (schmerzlich) erfahren, daß vermeintlich trockenes Holz
soo trocken doch nicht ist.
Jedenfalls sorgt beißender Rauch für Tränen in den Augen und die Sicht vor
dem Zelt beträgt höchstens noch nen Meter.
Zudem treibt auch noch unser treuer Weggenosse, der kalte Vogesenwind, seinen
Schabernack mit uns, indem er alle paar Minuten die Richtung wechselt.
Und heute lodert das Feuer gleich aus 2 Schloten, denn schließlich
erfordert ein kultiviertes Dinner aus zwangsläufig tiefgefrorenen Rouladen
und Rotkraut aus der Dose sowie Kartoffelbrei (Portion für 8 Personen) einen
besonderen Aufwand in der Vorbereitung.
Übrigens wurde alles ratzeputz wegschnabuliert.
Beim Abspülen kann man sich dafür das Abtrocknen sparen. Ehe man sich
nämlich versieht, ist die Restfeuchte auch schon angefroren und man tut gut
daran die Töpfe schnell abzustellen bevor die Finger an den eisernen Henkeln
ruckizucki ankleben.
Natürlich muß man vorher das Spülmittel im heißen Wasserbad erstmal wieder
zum Leben erwecken; wie auch Zahnpasta ist es in einen festen Aggregatzustand
übergegangen.
Mit der jetzt zu Stein und Bein gefrorenen Zahnpasta beschränkt sich die
Körperpflege endgültig auf das morgendliche Gurgeln der Zähne mit 40 %-igem
Obstler. In Sorge um unsere Kauwerkzeuge führen wir allerdings auch im Laufe
des Tages selbstlos gelegentliche Mundspülungen durch.
Und für die unabwendbaren abendlichen oder morgendlichen Spatengänge um
ein ”Ei” in eine ausgehobene Grube abzulegen, ist der Klappspaten mit dem
inzwischen sibirischem Permafrost-Boden ähnelnden durch und durch gefrorenen
französischen Terrain hoffnungslos überfordert.
Nicht einmal bei den menschlichen Grundbedürfnissen ist einem ein wenig
Komfort und Annehmlichkeit vergönnt. Auch das ”Hakle feucht” ist zu einem
kompakten Eisklotz mutiert.
Bei der Weiterfahrt erwartet uns dann an
einer Naturstufe beim Wehr in Bonnal ein zwar kurzes, aber fahrtechnisch
interessantes und spritziges Stück Wildwasser.
Die Uferränder sind mit dickem Eis verkrustet und werden von bizarren
Eiszapfen gesäumt, die jetzt alle in der Morgensonne glitzern und funkeln.
Unzählige Kormorane und majestätische Greifvögel, die einsam durch die
Lüfte streichen, sind wiederum unsere Wegbegleiter. Sie gestalten die Fahrt
auf dem jetzt immer zäher werdenden Ognon nach wie vor kurzweilig.
Das Angebot einer einladend aussehenden Kiesbank nach dem Umtragen eines
Wehres für eine kurze Mittagsrast mit heißem Tee und Keksen nehmen wir aber
trotzdem gerne an.
Die Formenvielfalt und Schönheit von Millionen von Eiszäpfchen an den Bäumen,
Ästen und Sträuchern im Bereich des Wehres ist überwältigend und
unbeschreiblich.
Bei Montferney beschleunigt eine Schwallstrecke willkommen die Fahrt, und
als der kleine Häuserflecken Montagney in Sicht kommt, werden wieder
Erinnerungen an zurückliegende Taten und Erlebnisse lebendig.
Vor Jahren hatte nämlich zur gleichen Zeit nicht Dauerfrost, sondern tagelang
anhaltender Dauerregen für einprägende Anekdoten gesorgt.
Nach dem Wehr La Forge scheint in einer düsteren Waldschlucht die Fahrt
zunächst zu Ende zu sein.
Eine Eisdecke spannt sich nun über den Ognon und versperrt uns die
Weiterfahrt. Das Eis ist schon mehrere cm dick, aber mit unseren kleinen
Schiffchen schaffen wir es gerade noch es unter unserem satten Gewicht klirrend und knackend zu brechen.
Nach 200 m ist die schweißtreibende Arbeit glücklicherweise beendet, das
Gelände öffnet sich wieder und kein Eis behindert mehr unseren Vorwärtsdrang.
Die heutige Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz gestaltet sich
schwierig. Entweder sind die Uferränder zu steil oder es ist Wiesengelände.
Landwirtschaftlich genutzte Flächen sind aber, um jeglichen Ärger zu
vermeiden, für uns tabu.
Letztendlich finden wir aber doch noch neben einer vermeintlich einsamen
kleinen Feldscheuer ein Stückchen Brachland.
Wir sind gerade im Begriff das Zelt aufzubauen, als unerwarteterweise der
Bauer angetuckert kommt. Im Geiste sehen wir uns schon unseren ganzen Krempel
wieder zusammenpacken oder gar mit einer Schrotladung im Gesäß
darniederliegen. Aber nichts von alledem geschieht.
Freudig werden wir per Handschlag begrüßt und uns ein angenehmer Aufenthalt
gewünscht.

Erleichtert geht jetzt der Aufbau des Lagers noch schneller und leichter
von der Hand.
Am späten Abend fabriziert uns dann Georg als Nachtisch seine allseits
geschätzten köstlichen Pfannkuchen. Vor lauter Schmatzen bleibt dabei die
Marmelade zum Auftauen zu lange unbeaufsichtigt neben dem Feuer stehen und
häßlich schrumpelt die Tupperware.
In der Nacht hat es dann geschneit und die Landschaft mit einem herrlichen
Teppich von feinem trockenen Pulverschnee überzogen - jetzt stimmt auch die
Optik für eine Wintertour.
Mit nur minus 14 °C waren die nächtlichen Temperaturen auch schon direkt
milde zu nennen.
Ruhig gleiten die Boote durch die unberührte Winterlandschaft.
Vor einer Stromschnelle bei einem verfallenen Wehr an der Mühle Montroz
verläßt dann Ralf das Schiff - ne,ne, nicht das sinkende.
Aber zu zweit würde auch bei kräftigstem
Rückwärtspaddeln, um Fahrt herauszunehmen, der Bug tief in die stattliche
Welle am Ende der Stromzunge einstechen, und das lange Boot einen gehörigen
Schluck Wasser aufnehmen.
Vom Ballast des Vordermanns entledigt, hat es jetzt vorne deutlich mehr
Auftrieb (trotz des zarten Gewichts von Ralf) und Georg kann die Welle
elegant abreiten.
Weiter flußabwärts nutzen wir an einer Quelle am Ufer die Möglichkeit,
unsere knapp bemessenen Wasservorräte wieder aufzutanken, bevor wir auf einer
Insel bei Montbozon unser fünftes Lager aufschlagen.
Um Gepäck und Gewicht zu sparen verwenden wir, wenn vertretbar, z.B. zum
Geschirrspülen, das recht saubere Wasser des Ognon.
Zum Abschluß unserer Miniexpedition wird nochmal ein fürstliches Menü mit
Gulasch (natürlich wieder tiefgefroren aus der Dose) und Nudeln serviert, der
5 l Kanister Vin de Pays ausgewunden, wobei ein nicht unerheblicher Teil
eingefrorener Rotwein dem Trinkgenuß entgeht und die letzten Tropfen
hochprozentiger Seelentröster gluckern die Kehlen hinunter.
Wiederum bleibt für das Frühstück eine größere Portion Nudeln übrig.
Aber wir haben ja dazugelernt und verteilen sie noch am Abend gleichmäßig in
der Bratpfanne.
Die Nacht ist wieder klirrend kalt. Obwohl wir sie als die kälteste
empfinden, signalisiert das Thermometer mit -22 °C keinen Rekordwert.
Da wir aber in unmittelbarer Nähe eines brodelnden und ”staubigen” Wehres
zelten, herrscht eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit und die schneidende
feuchtkalte Luft dringt durch alle Ritzen.
Am Morgen schmückt Rauhreif mit unendlich vielen zig-cm langen Eisnadeln
Bäume, Sträucher, das Zeltgestänge- und die Schnüre, und das Moskitonetz vor
unserem Schlafgemach gleicht einem Nadelteppich.
Ein letztes Mal bei dieser Tour müssen wir Stefans starre Gliedmaßen
zurechtbiegen. Sein ohnehin an der Leistungsgrenze liegender betagter
Schlafsack hat über die Zeit durch zunehmende Feuchtigkeitsaufnahme während
des Schlafens weiter an Isolationsvermögen eingebüßt.
Übrigens, die Frotzeleien über Ralf’s abfällig als ”Müllsack” titulierten
Vapor-Barrier-Liner sind in der Zwischenzeit verstummt.
Heute ist der 31.12.; Silvester. Wir müssen an die Heimreise denken.
Die Zeit ist viel zu schnell und wie im
Fluge vergangen, der Abschied fällt schwer.
Solch ideale Bedingungen mit gutem Wasserstand und trockener Kälte werden wir
vermutlich nicht so schnell wieder vorfinden.
Aber der genehmigte Ausgang von den daheimgebliebenen Lieben geht leider dem
Ende zu (für ein paar Tage hätten wir ja schon noch Proviant).
Ein festes Endziel für die Tour hatten wir uns nicht gesetzt und daher
auch kein Fahrzeug vorab hier abgestellt.
Um gewiß rechtzeitig vor dem Neuen Jahr zu Hause zu sein (versprochen ist
versprochen), sind Georg und Stefan noch am Vorabend nach Montbozon
gestiefelt, um ein Taxi zum Ausgangspunkt nach Lure zu entern, wo wir unsere
Autos zurückgelassen haben.
Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, überhaupt, wenn man der französischen
Sprache nicht mächtig ist, aber schlußendlich konnten sie doch einen
fahrbaren Untersatz chartern.
Rasch ist nun am Morgen das Gepäck ungewohnterweise nicht in den Booten,
sondern in den Fahrzeugen verladen und uns bleibt nur noch adieu und merci zu
einer Landschaft zu sagen, die durch eine selten gewordene wohltuende
Ursprünglichkeit besticht.
Man muß nicht unbedingt nach Lappland, Kanada oder gar Alaska reisen, um
unvergeßliche Abenteuer zu erleben, das Outback fängt schon vor der
heimischen Haustüre an - und das nicht nur bei 20 Grad Frost.
Unsere Entzugserscheinungen (von Natur und Stechpaddel !) werden aber nur
von kurzer Dauer sein; am kommenden Wochenende hat Sibylle zu einer Fahrt durch
die idyllischen Altrheinarme eingeladen.
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© Ralf Schönfeld
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